Tobey Wilson (32) – wenn er singt, schlagen Frauenherzen einen Takt höher und Männerfüße wippen im Takt. Wie kein anderer versteht der Berliner Startenor es, Klassik und Pop miteinander zu verbinden. Seinem Traum, eines Tages in der Carnegie Hall in New York zu singen, kommt der Sänger täglich ein Stück näher. Trotz seines Erfolges vergisst er aber nie, dass es nicht allen Menschen auf dieser Erde gut ist. Im Interview mit Stargebot macht er sich Gedanken über die Zweiklassen-Gesellschaft in Deutschland.
Sie sind ein erfolgreicher Tenor und viel beschäftigt. Vergisst man darüber manchmal, dass es anderen nicht so gut geht?
Als ich vier war, bin ich mit meinen Eltern und nichts als einem kleinen Koffer aus der DDR in den Westen gekommen. Monate ging es von Heim zu Heim – ich habe Armut selbst eine Zeit lang erlebt und glauben Sie mir, wer das Gefühl kennen gelernt hat, vergisst es nicht!
Durch meinen Beruf aber auch privat bin ich sehr viel gereist und oft mit extremer Armut konfrontiert gewesen – Armut, wie sie in Deutschland kein Begriff ist und hoffentlich auch nie einer wird! Wenn Ihnen auf einem überfüllten Markt ein zerlumpter Bettler ohne Beine auf seinen Ellenbogen durch den Matsch und Dreck entgegenrobbt und sich den Weg frei schreit oder wenn man sieht, wie eine zehnköpfige Familie in einer Wellblechhütte haust ohne eine Chance auf Veränderung, brennt sich das ein! Nein, ich vergesse nicht, dass es anderen nicht so gut geht.
Haben Sie das Gefühl, dass sich Deutschland immer mehr zu einer Zweiklassen-Gesellschaft entwickelt? Wie kann man das Ihrer Meinung nach verhindern?
Deutschland entwickelt sich nicht nur zu einer Zweiklassengesellschaft, sondern ist es in vielen Dingen schon! Ein Arztbesuch ist doch das beste Beispiel! Verhindern lässt sich eine Verschärfung wohl nur noch schwer, denn die Kassen sind leer und das soziale Gefälle wird immer größer werden.
Deutschland hat sich einfach zu lange auf seinem Wohlstand ausgeruht – eine Umstrukturierung des Sozial- und Rentensystems hätte schon lange erfolgen müssen um Schlimmeres zu verhindern! Aber keine Partei traute sich ran, weil Einschnitte nicht gerade hoch in der Wählergunst stehen und sozialpolitische Utopisten zusätzliche Stimmen kosten würden. Eigenverantwortung, starker Wille und eine realistische Einschätzung eines jeden Einzelnen können vielleicht noch helfen den Kahn zu wenden.
Laut Studien haben Kinder aus sozial schwachen Familien weniger Chancen auf gute Bildung – wie kann man das Ihrer Meinung nach ändern?
Für mich persönlich ist es hauptsächlich eine Frage der Vorbilder und des Glaubens an sich selbst! Wer wirklich will, der kann in unserem System auch, zumindest noch. Kinder aus sozial schwachen Familien bekommen aber häufig leider nicht gerade ein Optimum an Bildung, Selbstvertrauen und Glauben an die Zukunft oder auch Anspruch an das eigene Leben vorgelebt - wo sollen sie es dann herholen?
Viel Fernsehen - und daran das dieses immer bodenloser wird, besteht ja kein Zweifel – ersetzt noch lange kein gutes Buch oder den Spieleabend mit der Familie! Meiner Meinung nach sind die Eltern in der Pflicht intensiver auf ihre Kinder einzuwirken und sie müssen ihnen vermitteln, dass gute Bildung eine Grundvoraussetzung ist. Aus verschiedenen Gründen sind Eltern aber dazu nicht in der Lage – manche können, andere wollen nicht – und hier sollten meiner Meinung nach die Lehrer mehr tun, um die Kinder zu fördern.
Diese sind allerdings häufig völlig überfordert, manchmal wohl auch unqualifiziert – nur „Stoff nach Lehrplan“ zu unterrichten reicht eben nicht. Mehr Ganztagsschulen wären bestimmt hilfreich, besonders in Problemgebieten – aber wer soll das bezahlen?
Welche Charityprojekte liegen Ihnen besonders am Herzen?
Am Herzen liegen mir viele Charityprojekte, aber man kann sich natürlich nicht um alle kümmern. Ich tue sehr gerne etwas für Kinder, weil ein Kinderlachen einfach so viel gibt und Kinder die Zukunft bedeuten.
Sie werden in diesem Jahr auf jeden DTM Rennen die Nationalhymnen der verschiedenen Länder singen. Sind Sie aufgeregt?
Natürlich ist man immer ein bisschen aufgeregt, denn es ist eine große Ehre die Hymnen singen zu dürfen und die beeindruckende Kulisse tut ihr Übriges. Als ich vor gut vier Jahren das erste Mal, damals für den DFB, im Olympiastadion die Nationalhymnen gesungen habe, schlotterten mir schon weit vor und noch lange nach dem Auftritt die Knie. Inzwischen habe ich aber eine gewisse Routine entwickelt und freue mich einfach nur auf die Arbeit und die Rennstrecken in dieser Saison!
Gibt es einen Ort, an dem Sie gerne einmal singen möchten?
Als „Klassiker“ natürlich die Carnegie Hall in New York, als „Tobey Wilson“ wäre mein Traum, irgendwann einmal ein Stadion oder ein großes Open Air mit meiner eigenen Musik zu füllen – ein Traum, aber Träume spornen an!
Das Interview mit Tobey Wilson führte Flavia Fauth.

