Die Wahlen in Haiti sind gerade vorüber, eine Regierung noch nicht wieder gebildet. Cholera breitet sich aus in dem Land, das nach wie vor unter der Zerstörung leidet, die ein schweres Erdbeben im Januar 2010 gebracht hat. Sabine Wilke ist für CARE seit einem Monat in Haiti und traf dort Oxilia Blanchard, die ein Übergangshaus von CARE bekommen hat.

Frau Wilke, auf deutschen Bildschirmen sehen wir zurzeit vor allem, dass es in Haiti unruhig ist. Die Haitianer sind doppelt geschunden: Zuerst das Erdbeben, jetzt die Cholera. Wie gehen sie damit um?

Die Haitianer haben konkrete Forderungen und möchten am Wiederaufbau ihres Landes beteiligt sein. Das sind berechtigte und besonnene Forderungen, und dieses Engagement macht Hoffnung.

Sie bauen ihre Häuser wieder auf, nehmen obdachlose Verwandte bei sich auf und bemühen sich, etwas Geld zu verdienen. Die Mütter schaffen es, ihre Kinder trotz mangelndem Wasser und dem Dreck und Staub der Stadt morgens in strahlendweißen Blusen zur Schule zu schicken.

Aber natürlich herrscht auch Resignation. Das Leben hier ist unvorstellbar hart, und die Situation verbessert sich nur sehr langsam. Dazu kommt jetzt die Gefahr von Cholera. Viele Menschen sind wütend und glauben, Haiti wäre verflucht und es gibt keine Chance für dieses Land.

Bisher konnte CARE viel erreichen, auch wenn immer noch unglaublich viel Arbeit anliegt. Können Sie kurz skizzieren, was bisher getan wurde?

In den ersten drei Monaten nach dem Erdbeben hat CARE über 300.000 Menschen mit unmittelbarer Nothilfe erreicht. Das heißt Wasser, Nahrung, Zelte und andere Hilfsgüter. Mit Trinkwasser, Latrinen und Hygiene-Schulungen erreichen wir derzeit rund 50,000 Menschen in Camps. Seit Juni haben mehr als 900 Familien ein Übergangshaus mit festem Dach und 18 Quadratmeter Grundfläche beziehen können.

So genannte Cash for Work-Programme haben über 7.000 Menschen jeweils einen Monat beschäftigt. Für fünf bis acht US-Dollar am Tag wurden Straßen gereinigt und Wasserleitungen repariert. Im Norden des Landes haben wir jetzt die Cholera-Nothilfe ausgeweitet und verteilen Hygienepakete mit Seife und Chlor zur Wasserreinigung. Radiostationen und Freiwillige helfen dabei, die Bevölkerung über Schutzmaßnahmen und die Symptome der Krankheit aufzuklären. Aber natürlich ist unser Ziel, noch mehr Menschen zu erreichen.

Das heißt also, dass noch lange nicht alle Haitianer wirklich gut versorgt sind?

Ja. Eine solche Armut habe ich noch nirgends gesehen, auch nicht in einigen Ländern Afrikas, die in den Statistiken ja auch weit hinten liegen. Wir bemühen uns deshalb, die lokalen Behörden zu unterstützen und schnelle Lösungen zu finden.

Gleichzeitig darf man die Menschen aber auch nicht überrennen und ihnen Änderungen sozusagen aufzwingen. CARE verwendet deshalb auch Zeit darauf, mit den Gemeinden zu sprechen, die Ärmsten der Armen zu identifizieren und zu versuchen, gerechte Lösungen zu finden.

Oft befürchten Spender, dass ihr Geld bei dem, was sie von Haiti wahrnehmen, gar nicht ankommen. Die Sorge ist ja durchaus nachvollziehbar. Für Sie auch?

Natürlich verstehe ich, dass es diese Sorgen gibt. Aber die Gedankenkette „Erdbeben – Geld gespendet – jetzt trotzdem Cholera“ ist schlicht falsch.

Zum einen ist die Cholera in einem Gebiet ausgebrochen, das vom Erdbeben nicht zerstört war. Aber da dort die Wasserversorgung und die hygienischen Zustände trotzdem miserabel waren, konnte die Epidemie sich so schnell ausbreiten. Zweitens vergessen wir zu schnell das Ausmaß der Zerstörung. Keiner, der kurz nach dem Erdbeben hier war, hätte behauptet, wir können das Land innerhalb von einem Jahr wieder aufbauen.

Sie sind ja bereits im Februar, drei Wochen nach dem Erdbeben, in Haiti gewesen. Können Sie in wenigen Sätzen den Unterschied zwischen damals und heute beschreiben?

In der Hauptstadt Port-au-Prince ist viel Geröll und Schutt weggeräumt worden. Allein das ist schon eine Mammutaufgabe, denn die Mengen waren enorm und es fehlte an Maschinen und befahrbaren Straßen. Es gibt immer noch zu viele Menschen, die auf den Straßen leben müssen. Und die Cholera, die Angst und die Gerüchte darüber sowie die fragile politische Lage haben die Situation noch verschärft. Die Umstände, unter denen wir momentan arbeiten, erscheinen mir fast noch schwieriger als im Februar. Aber wir machen natürlich weiter.

Letzte Frage, aber wichtig: Weihnachten steht vor der Tür. Bleiben Sie oder werden Sie zu Ihrer Familie nach Deutschland kommen für die Feiertage und zum Jahreswechsel?

Das Büro ist nach Weihnachten eine Woche geschlossen. Unsere Mitarbeiter hier benötigen dringend eine Pause. Aber die lebenswichtigen Arbeiten wie Wasserversorgung gehen natürlich weiter. Ich werde auch hier bleiben und arbeiten. Lebkuchen und Schnee ist für mich gerade unvorstellbar weit weg. Vielleicht habe ich die Möglichkeit, einige Menschen zu besuchen, die mir hier ans Herz gewachsen sind. Aber für die Haitianer wird dieses Weihnachten kein fröhliches Fest sein, so viel ist sicher. Ich hoffe, das sieht nächstes Jahr anders aus.
 

 




Das Interview mit Sabine Wilke führte CARE Deutschland-Luxemburg e.V.

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