Der Künstler Hermann Josef Hack studierte u. a. bei Joseph Beuys und war Kunstbeauftragter des Bundesministeriums für Forschung und Technologie. Außerdem saß er im Gründungskuratorium der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.

In seinen Kunstprojekten und Aktionen setzt er sich für Ausgegrenzte und Benachteiligte ein. Wichtiger als zahlreiche internationale Preise und Auszeichnungen (Prix Ars Electronica 1997, Machida Museum for Graphic Arts Tokyo 1999 und 2000) ist Hack die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen, das ihm von den Ausgegrenzten und Benachteiligten entgegen gebracht wird.

Mit seinem World Climate Refugee Camp, einer Miniatur eines Klimaflüchtlingslagers, zieht er seit mehreren Jahren durch die Welt und baut es an öffentlichen oder öffentlichkeitswirksamen Plätzen, wie dem Brandenburger Tor, dem Eiffelturm oder vor UN-Gebäuden, auf. So möchte er auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen.

Herr Hack, Sie beschäftigen sich schon seit mehreren Jahren mit den sozialen Folgen des Klimawandels und versuchen den Opfern zu helfen. Was beschäftigt Sie bei dieser Problematik besonders?

Als ich mich Anfang der 90er Jahre mit dem globalen Wandel auseinandersetzte, war das für die Meisten kein Thema, erst recht nicht für die Kunst. Dass es sich aber bei den sozialen Auswirkungen um die größte gesellschaftliche Revolution handeln wird, wollen die meisten Zeitgenossen nicht wahrhaben. Denn was wird passieren, wenn zeitgleich zig Millionen Menschen ihre Heimat verlassen und sich neue Lebensräume suchen müssen, weil bei ihnen zu Hause nichts mehr wächst?

Hoffentlich irre ich mich, aber die seriösen Prognosen vorsichtiger Wissenschaftler lassen erahnen, dass sich unsere Lebensweise verändern wird. Das größte Problem ist die Verdrängung, wir tun so, als ob uns das alles nichts angeht. Schon heute gibt es über 30 Millionen von Opfern der Klimakatastrophe, Umweltflüchtlinge.

Mein Anliegen ist es, diese dort sichtbar zu machen, wo die Lösungen liegen: bei uns. Nur wenn wir alle verstehen, dass es um das Überleben unserer Kinder und Enkel geht, welches wir jeden Tag ein bisschen mehr zerstören, dann werden wir eine Chance haben.

Wenn wir schon jetzt Angst vor Menschen anderer Kulturen haben, die in unserem eigenen Land geboren sind, wie wird sich das auswirken, wenn Millionen Heimatvertriebene zu uns aufbrechen? Zu denen, die mit ihrem egoistischen Raubbau an der Natur auf Kosten dieser schwachen Regionen ihren Wohlstand aufgebaut haben?

Wie denken Sie, kann man den Menschen, die vom Klimawandel am meisten betroffen sind, am besten helfen? Sind wir wohlhabenden Menschen Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Eine riesige Aufgabe liegt vor uns, am besten, wir lassen es nicht so weit kommen und tun alles, damit der Klimawandel sofort aufgehalten wird. Aber für viele ist es ja jetzt schon zu spät. Hier heißt es, den Schaden zu begrenzen, hört sich richtig schlapp an, aber das ist eine Megaherausforderung. Die reichen Länder müssen den ärmsten unter die Arme greifen, ihnen helfen, die Fehler, die wir gemacht haben, nicht zu wiederholen, unseren falschen Vorbildern nicht zu folgen.

Neben der materiellen Soforthilfe, siehe Flutkatastrophe in Pakistan, geht es aber auch um eine kulturelle Unterstützung. Wir müssen Brücken bauen zu den Menschen, die alles verlieren. Versuchen, sie aufzufangen, nicht nur mit Reislieferungen und Medikamenten, auch mit Nächstenliebe kultureller Art.

Das Besondere ist tatsächlich, dass wir alle Täter und Opfer in einer Person sind, daher fällt es auch schwer, ein Feindbild des Klimawandels zu entwickeln, das man wirksam bekämpfen kann. Wir alle sind der Klimawandel – das heißt aber auch: Wir sind der Wandel des Klimawandels! Wir sind die Revolution!

Sie arbeiten auch auf Zeltplane. Was hat es damit auf sich?

Abgesehen davon, dass ich meine Bilder im urbanen Raum, also unter freiem Himmel installiere, wo es vorteilhaft ist, mit wetterfestem Material zu arbeiten, ist es das Material der Nomaden, der Stoff, aus dem Zelte und Lkw-Planen gemacht sind.

Migration ist der Zustand der Zukunft, insofern ist die Zeltplane ein progressiver künstlerischer Werkstoff. Man kann sich mit ihr vor Wind und Nässe schützen, sie hervorragend als Bildträger nutzen und muss sie nicht mit weißen Handschuhen anfassen wie traditionelle Bildträger im Museum. Das Medium ist Teil der Botschaft.

Sie haben bereits eine ganze Reihe medienwirksamer Aktionen durchgeführt, zum Beispiel die Errichtung eines Flüchtlingscamps vor dem Brandenburger Tor. Wie ist das Feedback der Menschen, denen Sie während Ihrer Aktionen begegnen?

So unterschiedlich die Reaktionen auch sind, alle Passanten fühlen sich erst einmal in den Bann der bunten Mini-Zelte gezogen, wollen lesen, was auf den Planen steht, schauen sich die in Graffiti-Manier aufgemalten Bilder und Aufschriften an, und viele knien sich auf den Boden, um Fotos zu machen.

Der Anblick eines derartigen Camps mit hunderten von Zelten ist auf jeden Fall ungewohnt, man stakst als Riese durch das Lager, hat eine Sicht, als ob man mit dem Hubschrauber ein Flüchtlingslager überfliegt. Es gibt fast ausschließlich positive Reaktionen, Neugier ist da zu spüren, die Leute wollen wissen, warum das dort steht, was das mit ihnen zu tun hat. Und genau das ist der Ansatz, vom Schauen, vom Erleben zum Nachdenken und hoffentlich zum Handeln.

Sie halten es für eine kulturelle Notwendigkeit, den Klimawandel zu stoppen. Was kann jeder Einzelne dafür tun? 

„Nur die Kunst kann den Klimawandel stoppen“, habe ich provokativ ein Seminar mit meinen Studenten genannt. Und es ist wirklich so, dass all unsere kulturellen Errungenschaften, angehäuft in den Museen der Welt, nichts wert sind, wenn es keine Menschen mehr geben wird, welche diese bestaunen und verwerten können.

Wir wohlhabenden Menschen haben die Chance zur Umgestaltung der Sozialen Plastik, um es mit meinem Lehrer Beuys zu sagen, wir haben die Freiheiten und die Mittel, anzupacken und zu helfen, ja, wir haben jeden Tag beim Einkaufen die freie Wahl, auch beim Transportmittel, ob wir die Katastrophe beschleunigen oder aufhalten. Es ist schon so viel gesagt, fast alles erforscht.

Die zahlreichen NGOs sagen einem, wie man sich verhält, um nachhaltig, umweltschonend, klimafreundlich zu leben. Ich habe aufgehört, Fleisch zu essen. Andere mögen ihren Fleischkonsum reduzieren, das hilft. Energie vermeiden, bewusster sein Transportmittel wählen, wie das geht, das kann man heutzutage sehr leicht überall lernen, Verbraucherzentralen, Internet, Beratungsstellen.

Jetzt geht es darum, vom Wissen zum Handeln zu kommen. Politiker/innen, Unternehmer/innen, sie alle wissen, was zu tun ist – und? Tun wir es, denn sie tun nicht, was sie wissen.





Das Interview mit Hermann Josef Hack führte Felix Michel