
© Dr. Jens Ade
Dr. Jens Ade ist seit acht Jahren leidenschaftlicher Geschäftsführer des Hamburger Straßenmagazins Hinz & Kunzt.
Im Interview mit Stargebot - Your Charity World erzählt er von der undankbaren Werbebranche und davon, dass er jetzt etwas Sinnvolles tut.
Weiter beschreibt Dr. Ade die Geschäftsstruktur von Hinz & Kunzt und wie daraus das erfolgreichste Straßenmagazin Deutschlands wurde.
Herr Dr. Ade, wie sind Sie der Geschäftsführer von Hinz & Kunzt - dem Hamburger Straßenmagazin geworden?
Meinen Doktor-Titel habe ich aus einem BWL-Studium erhalten. Insgesamt habe ich 22 Jahre in der Marketing- und Werbebranche gearbeitet.
Die ersten acht Jahre in einer deutschen Agentur und danach in internationalen Werbeagenturen. Als ich Geschäftsführer einer Hamburger Dependance war, wurde die Agentur von einer großen französischen Holding aufgekauft und ich war dafür verantwortlich viele Kündigungen auszusprechen.
In dieser Branche wird oft brutal mit Menschen umgegangen.
Nach diesem Erlebnis habe ich mich gefragt, wie es beruflich mit meinem Leben weitergeht und da stand für mich fest: Ich möchte etwas Sinnvolles tun.
Über eine Stellenausschreibung erfuhr ich, dass Hinz & Kunzt einen Geschäftsführer suchte. Heute mache ich den Job seit acht Jahren und das mit einer großen Leidenschaft.
Hinz & Kunzt gibt es jetzt seit 1993 und ist zu einer Marke geworden. Es hat unglaublich Spaß gemacht, diese Marke mit aufzubauen und das natürlich immer noch zu tun.
Aus wie vielen Personen besteht ihr Team und wer betreut welche Aufgaben?
Laut Wirtschaftsprüfer sind es 17 Personen.
Dazu muss man aber sagen, dass es nicht alles Vollzeitstellen sind.
Was ganz besonders toll ist, dass wir sieben Mitarbeiter haben, die ehemals Obdachlose waren. Sie haben sich so gut entwickelt, dass eine Übernahme für uns völlig klar war.
Wir haben ca. 450 aktive Verkäufer. Hinz & Kunzt ist für die meisten viel mehr als nur Projekt oder eine Arbeitsstelle. Für die meisten ist es zu einer Familie geworden und das macht die Arbeit auch so angenehm und erfüllt einen mit viel Sinngebung.
Bei uns gibt es eine ganz einfache Zweiteilung. Unsere Chefredakteurin Frau Müller ist seit 18 Jahren, also von Anfang an dabei. Zu der Redaktion gehören professionelle Journalisten, Fotografen und Layouter. Des Weiteren gibt es den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, Sozialarbeit und den Vertrieb.
Für die Aufgaben im Bereich der Verwaltung und im Marketing bin ich verantwortlich.
Welche Aufgaben übernehmen die Mitarbeiter im externen Beirat?
Diesen Beirat hat Frau Stoltenberg ins Leben gerufen und besteht aus einem Medienanwalt, einem Sportjournalisten, einem ehemaligen NDR-Chefredakteur, verschiedenen Beratern, einem Unternehmensberater und anderen Persönlichkeiten aus der Hamburger Wirtschaft.
Wir kommen dreimal im Jahr zu einer Beiratssitzung zusammen tauschen uns aus und besprechen Ideen und neue Projekte.
Die Personen aus dem Beirat kommen aus ganz unterschiedlichen beruflichen Segmenten und diese nutzen wir als Multiplikatoren.
Durch die verschiedenen Firmen- oder privaten Kontakte entstehen zum Beispiel Finanzierungen von Unterkünften und vielem mehr.
Hinz & Kunzt erscheint seit 1993 und ist das auflagenstärkste Straßenmagazin in Deutschland geworden. Wie erklären Sie sich diesen tollen Erfolg?
Das Lob spreche ich unserer Chefredakteurin aus, die einfach einen hervorragenden Job macht.
Frau Müller macht mit ihrer Truppe einfach qualitativ das beste Straßenmagazin in Deutschland. Und das soll nicht arrogant klingen!
Unsere Chefredakteurin ist Journalistin, die ihren Beruf von der Pike auf erlernt hat. Alle Journalisten, Fotografen und Layouter werden fair bezahlt und stellen so jeden Monat die Topqualität sicher.
Gibt es aktuelle Projekte? Wenn ja, welche?
In Ergänzung zum Winter-Not-Programm der Stadt stellen wir mit Hilfe von Spendengeldern in einem Monteursheim einfache Doppelzimmer unserer Klientel zur Verfügung. Sie können von November bis März dort sicher und warm unterkommen – und den Vorteil einer eigenen Tür genießen, die man abschließen kann.
Was das vielen bedeutet, haben wir gerade gestern wieder gesehen:
Ein Mitarbeiter von uns konnte einem jungen Punkerpärchen die Nachricht überbringen, dass sie in diesem Wohnkomplex ein Zimmer beziehen können. Die junge Frau hat vor Glück geweint.
Der Winter steht vor der Tür. Wie können die Menschen in Hamburg jetzt am besten helfen?
Hinz & Kunzt kann nur leben, weil es Freunde, Partner und viele Menschen gibt, die uns unterstützen. Wir verfolgen das Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe", welches natürlich alle gut finden und dafür helfen möchten.
Wenn Sie unsere Verkäufer sehen, dann kaufen sie eine Zeitung. Geben Sie ihnen kein Geld, denn dadurch wird der Mensch zum Bettler degradiert, was sie und wir vermeiden möchten. Und wechseln sie mal einige Worte mit ihnen - Sie werden erstaunt sein, was unsere Verkäufer für tolle Geschichten zu erzählen haben. In einem Gespräch kommt viel zurück.
Das Interview mit Dr. Jens Ade führte Sarah Schlifter.
