Claudia Roth, geboren 1955 im schwäbischen Ulm, formulierte ihren Berufswunsch zu Schulzeiten wie folgt: „Etwas machen, wodurch die Welt gerechter und lebenswerter wird.“ Gelandet ist Claudia Roth zunächst als Dramaturgin am Theater, wurde dann Managerin der Band Ton Steine Scherben und fand schließlich ihre Bestimmung in der Politik. Seit 2004 ist sie wieder Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Das Engagement für Menschen- und Bürgerrechte, Gleichberechtigung und Toleranz liegt Claudia Roth dabei besonders am Herzen.
Frau Roth, Sie haben kürzlich eine goldfarbene Taube in Lebensgröße erhalten. Was hat es damit auf sich?
Im letzten Jahr haben wir den 60. Geburtstag der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gefeiert. Aus diesem Anlass hat der Künstler Richard Hillinger aus Landshut 30 goldene Tauben geschaffen: eine für jeden Artikel. Durch die Weitergabe legen die Tauben weite Strecken zurück, teilweise sogar ins Ausland. Gesine Schwan hat mir die Taube der Meinungsfreiheit überreicht, die sie wiederum von Frank-Walter Steinmeier erhalten hatte.
Das Engagement für Menschen- und Bürgerrechte, Gleichberechtigung und Toleranz liegt Ihnen besonders am Herzen. Wie sieht denn in Ihren Augen eine ideale und sozial gerechte Welt aus?
Die Welt, für die ich kämpfe ist eine, in der alle Menschen selbstbestimmt leben können, eine Welt, in der die Gebote der ökologischen Nachhaltigkeit beachtet und die Menschenrechte, Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit verwirklicht sind.
Was kann jeder einzelne Bürger tun, damit wir in einer sozial gerechteren Welt leben, oder reicht das Engagement der Bürger bereits aus?
Das Engagement reicht noch lange nicht aus. Jeder kann etwas beitragen, durch Engagement in der Zivilgesellschaft, in Initiativen und Interessensvertretungen, und auch durch Engagement in der Politik, das in der Demokratie jedem und jeder offen steht.
Stichwort „Pro Asyl“: Was steckt dahinter und seit wann engagieren Sie sich dafür?
Flüchtlinge und schutzbedürftige Menschen auf der Flucht haben einen Anspruch auf Respektierung ihrer Menschenrechte und auf Schutz vor Verfolgung. Wir wissen aber, dass der Flüchtlingsschutz bei uns starken rechtlichen und behördlichen Restriktionen ausgesetzt ist, die häufig fatale Folgen haben: Es kommt häufig vor, dass Fluchtgründe nicht anerkannt oder Familien getrennt werden, gesundheitliche Fürsorge verweigert wird, Flüchtlinge mit ungewissem Schicksal in das Land ihrer Verfolgung zurück transportiert werden. Pro Asyl hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Flüchtlingen und schutzbedürftigen Menschen individuell in Situationen zu helfen, in denen sie Unterstützung benötigen.
Die Arbeit von Pro Asyl ist hoch politisch. Mit Analysen, juristischen Gutachten, Expertisen, Lobbyarbeit und europaweiter Zusammenarbeit greift Pro Asyl im Interesse verfolgter Menschen immer wieder wirksam in die öffentliche Diskussion ein. Die Arbeit und das Engagement von Pro Asyl ist für die deutsche Flüchtlinspolitik unverzichtbar. Ich unterstütze die Organisation seit Anfang der 1990er Jahre.
Welche anderen Organisationen und Stiftungen sind Ihnen besonders wichtig und warum?
Für mich ist das Engagement von Amnesty International beispielhaft. Die Organisation setzt sich seit vielen Jahren für Gefangene, von Folter und Tod bedrohte Menschen ein. Besonders am Herzen liegt mir auch die Arbeit von „Tür an Tür“, einem Verein in meinem heimischen Augsburg, der sich vor allem in der Flüchtlingshilfe engagiert.
Gibt es einen Moment, der Ihnen beim Besuch einer gemeinnützigen Organisation speziell in Erinnerung geblieben ist? Was hat Sie besonders berührt?
Ich hatte intensive und berührende Begegnungen, beispielsweise in Heimen und Arbeitsstätten für Menschen mit Behinderung. Ganz besonders in Erinnerung ist mir eine Begegnung mit einer wahren Heldin der Menschlichkeit in Afghanistan, nämlich mit Karla Schefter, die seit 1993 dort arbeitet und aus eigener Kraft und gegen die Widerstände und Bedrohungen des Bürgerkriegs in Chak-e-Wardak ein Hospital aufgebaut hat.
In Hospizen und auf Palliativstationen gibt es teilweise sehr lange Wartelisten. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Hospize und Palliativstationen leisten eine unverzichtbare Arbeit im Dienst schwerkranker Menschen. Sie sollten so ausgestattet sein, dass sie ihre Arbeit ohne längere Wartezeiten und größere bürokratische Hindernisse für die Patienten leisten können.
Am 23. April haben Sie beim Sozialempfang 2009 der Stadt Pfaffenhofen a. d. Ilm eine Festansprache mit dem Titel „Politische Kultur und soziales Engagement im demokratischen Gemeinwesen“ gehalten. Wie sehen Sie das soziale Engagement Deutschlands im Ländervergleich?
Genaue Vergleichszahlen gibt es sicher bei den Wohlfahrtverbänden und anderen Akteuren. Grundsätzlich dürfte der Sinn für zivilgesellschaftliches Engagement bei uns gewachsen sein – was ich sehr begrüße. Aktivitäten im Zwischenbereich zwischen Staat und privatwirtschaftlichen Anbietern sind äußerst wichtig für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und für die Stabilität der Demokratie.
Die Menschen, die sich im Gemeinwesen engagieren, haben Förderung und Anerkennung durch die Gesellschaft verdient.
